Predigt

Traueransprache für Joachim Greifenberg
21. Mai 2022, Erlöserkirche

.......................................................................................................................................................Römer 8, 38-39

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Familie Greifenberg,
liebe Trauergemeinde hier in der Erlöserkirche!

Als Wort für die Ansprache habt ihr, liebe Familie Greifenberg, ein biblisches Wort aus dem Römerbrief gewählt und lasst Paulus zu Wort kommen. Er schreibt am Ende seines wechselvollen Lebens: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Die Liebe Gottes davon sprechen – jetzt –?

Erlebte und gefühlte Wirklichkeit, viel Traurig- und Hoffnungslosigkeit, Fragen und jede Menge Unsicherheiten – für euch als Familie. …Die auch für uns als Gemeinde spürbare Vorfreude auf den Ruhestand, die gedachte und geplante Zukunft für die Zeit nach Ende des Berufslebens fällt aus und muss jetzt mühsam zu einer neuen Wirklichkeit erobert werden. Alles ist von einem Tag auf den anderen anders geworden: Joachim schon vorgefahren in sein geliebtes Schweden, sein Rückzugsort, ein gemeinsamer Familienurlaub sollte es dann werden, für dich, Susanne und euch Svenja, Olaf und Eric wurde die Schwedenfahrt völlig unerwartet zu einem Weg des Abschiedes.
Es ist zugleich der Abschied von einem Lebensentwurf für die Zeit des Ruhestandes – darauf habt ihr hingelebt, die Schwedenreise ein kleiner Vorgeschmack auf eine Zeit mit mehr Raum füreinander, für Joachim nach dem Urlaub schon nicht mehr den Presbyteriumsvorsitz. Langsam sollte die Dienstzeit ausklingen, die letzten Wochen wollte Joachim das tun, was er immer wollte: Auf vielfältige Weise christliche Hoffnung in die Herzen der Menschen zeichnen. Am 1. Advent – dann ein dankbar fröhlicher Gottesdienst als Schlusspunkt - stattdessen heute der Trauergottesdienst.

Nun alles anders als gedacht. Es berührt, liebe Trauergemeinde, und hat vielleicht sogar etwas Tröstliches: Joachim starb in seinem geliebten Schweden draußen in der freien Natur, über ihm der weite offene Himmel, Vorfreude auf den Ruhestand im Herzen und im Gepäck die Osternacht. Zum letzten Mal hat er am Karsamstag mit uns das Zentrum unseres christlichen Glaubens gefeiert: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, sie führt vom tiefen Dunkel der Nacht, des Todes mitten hinein ins Leben bei Gott. Mit Paulus klammern wir uns an diese Hoffnung: Auch der Tod kann nicht von Gott trennen. Joachim hat die Schwelle überschritten, die wir noch vor uns haben. Er darf Gott schauen und das, was er schon als Jugendlicher geglaubt und später in seinem Pfarrdienst vielfältig gepredigt hat, ist jetzt für ihn da: Antworten auf Fragen, dunkle Ecken sind in Licht getaucht, heile was schmerzte. Nichts trennt jetzt Joachim noch von der Liebe Gottes – im Gegenteil der Tod hat ihn mitten in Gottes weites liebendes Herz gebracht für immer, so glauben wir als Christen. Für Joachim ist es vielleicht bei Gott ein bisschen wie in der Natur Schwedens. Wenn er von Schweden erzählte, Bilder zeigte, wirkte er gelöst, glücklich befreit – ein Stück Himmel für ihn schon zu Lebzeiten.

Ihr als Familie und wir als Gemeinde. Die Liebe Gottes? Es fühlt sich nicht richtig an, der Tod Joachims zu früh. Die erste Reaktion, das kann doch nicht wahr sein, – sie als Familie sind wie in einen Abgrund gestürzt, keine ruhigere Zeit nach all den Jahren, die immer auch im Zeichen des Dienstes standen. Es kann nicht richtig sein, dass eine Mutter ihren einzigen Sohn verliert, die regelmäßigen Besuche und die zuverlässigen Hilfestellungen entfallen, die Reihenfolge stimmt nicht. Es hätte schön werden können. Euren Plänen ist eine Grenze gesetzt worden, hart hat Gott in Euer Leben eingegriffen.
Die Liebe Gottes, seine Fürsorge, wo ist sie geblieben?
Auch Gegenwärtiges kann uns nicht trennen von Gottes Liebe, so Paulus. Düsternis umgibt euch jetzt, liebe Familie. Nichts ist hier schön zu reden. Joachim fehlt, wir brauchen ihn, er gab uns Halt und Sicherheit, war für uns da, so sagt und fühlt ihr.
Jeder Blick ins Fotoalbum zeigt, was fehlt, Bilder wecken Erinnerungen. Aber auch beste Erinnerungen können das gemeinsame Leben nicht ersetzen – im Gegenteil sie machen den Verlust nur noch schmerzvoller. Und Grund genug gehörig wütend auf Gott zu sein, dass ihr, wir mit nichts als Erinnerungen zurückbleiben. Geben wir diesen jetzt vor Gott Raum mit aller Trauer, allem Unverständnis und auch Dankbarkeit dabei im Herzen. Vielleicht können wir uns erinnern in der Gewissheit, dass all der Schmerz unterlegt ist mit Gottes Gegenwart, auch wenn wir jetzt nur seine verborgene Seite spüren, was so schwer ist auszuhalten. Wagen wir es uns gemeinsam zu erinnern an Joachim, er gehörte zu uns.

Joachim hat als Pfarrer hier in der Erlöserkirchengemeinde unermüdlich christliche Hoffnung in den Alltag der Menschen gezeichnet. Seine Arbeit – eine Berufung so hat er sie verstanden und folglich die Arbeitsstunden nicht gezählt, sondern einfach gemacht, ansprechbar bis in den Abend. Liebe Familie, der Pfarrdienst hat euren Alltag stark geprägt. Liebe Susanne, es passt: deinen Mann hast du bei der Arbeit im Kreis der Jungen Gemeinde kennen und lieben gelernt und vor fast 30 Jahren geheiratet und ihr seid mit Svenja, Olaf und Eric zu einer 5köpfigen Familie geworden. In jeder Hinsicht eine Zeit des Aufbaus rund um die Lukaskirche. Sonntags die ganze Familie im Kindergottesdienst aktiv. Viele Kontakte sind gewachsen. Bitter, dass die Lukaskirche entwidmet wurde. Eine sentimentale Erinnerung habt ihr in Eurer Wohnung: die Stühle um Euren Esstisch stammen aus dem Lukaskirchsaal, Svenja, du hast sie dunkelrot gestrichen. Ihr als Familie habt Joachims Arbeit mitgetragen, Texte gelesen, in Krippenspiele mitgemacht, gesungen und und... Heilig Abend wurde bei euch auf den ersten Weihnachtstag verlegt, ihr musstet als Kinder einen halben Tag länger als andere Kinder auf die Geschenke warten. Telefondienste habt Ihr alle übernommen. Am Telefon formvollendet eine Kinderstimme: Mein Vater ist nicht da, was kann ich ihm sagen. Ihr habt mitgetan und Joachim den Rücken freigehalten - wie oft, Susanne, hast du abends auf deinen Mann gewartet. Die Familie unterstützend kamen Sie, Frau Rosenhein hinzu –

An dieser Stelle ganz im Sinne von Joachim ein großes Dankeschön. Ihr als Familie ward für ihn ein Gottesgeschenk! Ihr als Familie seht es genauso, Joachim für uns ein Geschenk.

Wie vielen Menschen Joachim im Laufe der Jahre tröstend, helfend zur Seite stand, wissen wir nicht. Ein Blick ins Kondolenzbuch aber sagt, es waren viele. Regalbretter voll mit Aktenordnern würden seine Gottesdienstvorbereitungen, Tauf-, Trau- und Beerdigungsansprachen füllen. Er bevorzugte den platzsparenden Computer. Hier hat er sich eingefuchst, jahrelang den Gemeindebrief gestaltet, nicht mehr verbesserbare Programme wie etwa für den Klangraum entworfen… Angeeignet hat er sich ein großes Können in Bild- und Tontechnik, das er immer wieder für den Gemeindealltag einsetzte. Wir erinnern uns zuletzt an die Videoaufzeichnungen der Weihnachts- und Ostergottesdienste und die Telefonandachten in der Zeit der Pandemie. Der Lichteinfall musste stimmen, manches wieder und wieder etwas gerückt werden oft in letzter Minute – dabei auch die Geduld der Mitarbeiter strapazierend. Aber es sind perfekte Filme, Kunstwerke entstanden.

Blicken wir auf Joachims lange Dienstzeit zurück: Er hat getan, was dran war, bei allem eher zurückhaltend, nie das Rampenlicht suchend, manchmal ist er vielleicht zu bescheiden im Hintergrund geblieben. Welche Veränderungen hat er hinnehmen müssen, die Aufgabe der Lukaskirche, Pfarrstellenreduzierungen, immer neue Bezirkszuschnitte, mit der Fusion die Neuorientierung hin zur Erlöserkirche. Er ist in dieser Kirche heimisch geworden ist. So hat er Orgelsanierung mit angeschoben, um die Erlöserkirche als Standort hochwertiger Kirchenmusik zu erhalten. Musik für Joachim zentral als Element der Verkündigung und auch ein Ort der Ruhe. Wagner Opern waren seins – nicht unbedingt mit dem Musikgeschmack der Familie kompatibel, aber ein Pfarrhaus hat viele Räume. Orte der Entspannung und auch des Genießens hat Joachim gebraucht, gutes Essen kochen gehörte dazu, seinen Meister hat Joachim in dir Eric gefunden – aber öfter blicktet ihr euch als Vater und Sohn an – komm lass uns was beim Nikolausgrill holen.
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Der jahrelange Presbyteriumsvorsitz, all die zeitraubende Verwaltungsarbeit oft weit weg von dem, was Joachim wichtig war, Seelsorge und Gottesdienste feiern. Welch eine Last für ihn. Er auf Harmonie und auf Ausgleich bedacht. Jeden Einwand nahm er ernst und jeder Einwand führte zu neuen Überlegungen. Er war bestrebt, alles bis ins letzte zu durchdenken, wägte ab. Schwierig, als Vorsitzender Entscheidungen treffen zu müssen im Gefühl, es nicht allen recht machen zu können und nicht alles ausreichend geprüft zu haben.
Hohe Ansprüche hatte er an sich. Manchmal führte das auch zu hörbarer Ungeduld. Alles muss perfekt und geklärt sein. Ihr Kinder erzähltet: Anliegendes wurde ausführlich im Familienkreis besprochen, Vater konnte man immer fragen, er hatte ein umfangreiches Wissen – aber er hat weit ausgeholt, nachgeschlagen auch dann, wenn eigentlich nur eine schnelle Antwort gewünscht war, um die Schulaufgaben zügig hinter sich zu bringen. Olaf, du sagtest, wenn ein Schriftstück von Vater begutachtet wurde und dort die Prüfung bestanden hatte, dann konnte man es unbesehen abschicken.

Einen bunten Strauß von Erinnerungen haben wir vor uns, etwas Wichtiges fehlt noch: Die Christliche Botschaft kann nur glaubwürdig in ökumenischer Verbundenheit gelebt und gepredigt werden, das hatte Joachim immer auch im Blick.

Liebe Familie Greifenberg, liebe Trauergemeinde, in manchem, was wir erinnern, blitzte die Liebe Gottes auf und zeigte sich zweifelsohne konkret in Sternstunden im Zusammenleben mit Joachim, privat genauso wie im Gemeindeleben – Das Vergangene kommt nicht zurück auch nicht mit den schönsten Erinnerungen. Heute vor allem Verlust und Leere.
Wenn wir an Jesus denken, dazu möchte ich einladen. Besonders in jener Nacht, als er drohte zu verzweifeln, die Angst ins Unermessliche stieg und für die Zukunft nichts als Einsamkeit sich abzeichnete. Vielleicht, liebe Familie Greifenberg, sind Sie in diesen Tagen diesem Jesus des Gründonnertages nahe – es ist schwer Hoffnung zu sehen. Die Liebe Gottes ist nun mal kein Felsen auf den man sich einfach setzen kann und ausruhen. Unser Glaube ist ein Prozess mit Momenten oder auch langen Abschnitten von Gottverlassenheitsgefühlen und großer Einsamkeit. Jetzt der Schmerz, dass Ihr Joachim verloren habt. Vielleicht aber – das ist heute zu früh – könnt ihr irgendwann sagen: Wir haben ihn gehabt, durch ihn ist Freude, Spannendes auch Anstrengendes in unser Leben gekommen, unser Leben reich geworden. Ja Gottes Liebe war beigemengt.
Wir als Gemeinde bitten heute auch für Sie als Ehefrau, als Kinder und Mutter von Joachim, dass sie irgendwann diese Liebe Gottes wieder mehr spüren und die Durststrecke der Trauer nicht endlos ist.

Halten wir uns alle aneinander fest mitten in der Dunkelheit, glauben wir mit Paulus zögerlich, fragend, erschöpft vom Weinen, wie auch immer: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Erika Holthaus, Pfarrerin im Ruhestand

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